Ich freue mich, liebe Daniela, dass du für mich digital Zeit findest. Digital ist etwas, worauf wir gleich eingehen werden. Aber vorab interessiert mich: Wer bist du denn, was machst du?

Daniela Otto
Foto: Daniela Otto
©Patrick Wittmann

Ich danke dir, liebe Christine, dass ich dich hier treffen darf. Ich bin Literaturwissenschaftlerin, habe über „Vernetzung“ promoviert und bin als Autorin auf das Thema „Digital Detox“ spezialisiert. Also ja, sehr gerne: Lass uns auf das Digitale eingehen!

Danke dir für deine Vorstellung! Nun treffen wir uns heute ja gerade in einem Rahmen, hinter dem wir nur bedingt stehen – eben digital. Was hat es mit dem Digitalen auf sich?

Es ist Fluch und Segen zugleich. Eine Technologie, die der Nimbus des Magischen umweht – ist es nicht wie Zauberei, dass wir einander durch Telefone sehen können, dass Nah und Fern per Knopfdruck verbunden sind? – Und doch entzaubert sie so vieles. Wir verlieren immer mehr den Bezug zum echten Leben und die wahre seelische Verbundenheit entschwindet. Die Digitalisierung prägt unser Zeitalter, und wir müssen lernen, damit umzugehen. Es kommt auf die achtsame Nutzung digitaler Medien an.

Da ist der Impuls, auf den ich gewartet habe, um meine Frage zu stellen, weswegen wir uns treffen. Denn du stehst ja nicht für das Digitale, sondern für digital detox. Was ist das? Und wie bist du auf diesen Weg gekommen?

Digital Detox heißt „digitale Entgiftung“ und ist, kurz gesagt, die Gegenbewegung zur Vernetzung. Konnektivität ist DER Megatrend, doch immer mehr Menschen spüren, dass ihnen die vielen Stunden vorm Bildschirm nicht guttun. Während meiner Doktorarbeit habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt, woher unsere Sehnsucht nach Vernetzung kommt. Dahinter steht das menschliche Urbedürfnis nach Verbundenheit: Wir sind soziale Wesen, für das Alleinsein nicht gemacht. Die Angst vor der Einsamkeit ist enorm groß und wird in modernen Gesellschaften immer größer. Die Corona-Pandemie wirft uns in eine ganz neue Isolation und der Leidensdruck ist enorm. Wir sehen und spüren, dass ein Chat, ein virtuelles Meeting ein echtes Treffen nicht ersetzen kann, die Seele bleibt unbefriedigt. Digital Detox hilft dabei, eine Balance zwischen online und offline zu finden und diese tiefen Bedürfnisse zu befriedigen.

Wie kann jeder Mensch für sich digital detox umsetzen, wo kann ich beginnen?

Das Tolle ist: Es ist so einfach! So einfach wie Zähneputzen und man kann sofort damit beginnen. Ich bin ein großer Fan von kleinen Schritten, die einen großen Unterschied machen: Wer offline in den Tag startet, beginnt den Morgen ohne Stress. Wer abends das Handy eine Stunde vorm Zubettgehen ausschaltet, kommt zur Ruhe und schläft nachweislich besser. Wer sich nicht ständig während einer Tätigkeit unterbrechen lässt, kommt in den Flow – das macht glücklich. Wer denkt, anstatt zu googeln, trainiert sein Gehirn.  Wer anruft, anstatt zu tippen, stellt mehr Nähe her. Das sind nur ein paar Beispiele. Allem voran ist ein neues Bewusstsein wichtig: Stell dir vor, wieviel Energie du hast, wenn du sie nicht ständig online verschwendest! Wir verlieren so viel wertvolle Lebenszeit an unsere Smartphones. Zeit aber ist Leben! Wir müssen uns fragen: Sind wir wirklich auf der Welt, um unser Leben am Handy zu verbringen? Gewiss nicht. Das müssen wir erkennen. Wir müssen digital erwachen.

Oh ja, da stimme ich dir voll und ganz zu: das bewusste Konsumieren, die Achtsamkeit beim Tun. Gerade online verlieren wir den Bezug und jegliches Zeitgefühl, verlieren den Kontext durch die Ablenkungen.
Wir haben schon im Vorfeld darüber gesprochen, dass nicht nur digital detox wichtig ist, sondern auch die Vermeidung von Elektrosmog grundsätzlich. Was machst du für dich?

 Ich schalte nachts das WLAN aus und mein Handy ganz. Außerdem, wenn ich zum Beispiel Hörbücher oder Musik höre, lade ich diese runter und schalte dann in den Flugmodus. Elektrosmog ist ein riesiges Thema und immer mehr Menschen erlauben sich, ihrer Elektrosensibilität nachzugehen.

Ich melde mich auch kurz zu Wort, da ich inzwischen noch freier bin: Mein WLAN ist immer aus, ich muss es aktiv anstellen, um am Smartphone zu empfangen. Denn selbst am Rechner nutze ich wieder das gute alte LAN-Kabel. Mag für manche rückschrittlich sein, ich schlafe wirklich viel viel besser, seit ich die Strahlenbelastung reduziert habe.

Und hier spielt überall die Achtsamkeit mit rein. Wie achtsam bist du in deinem Alltag?

Ich gebe mein Bestes, so achtsam zu sein, wie ich kann. Präsenz ist mir enorm wichtig. Leider machen Smartphones diese oft unmöglich. Es macht mich traurig, wenn ich sehe, dass Menschen sich nicht mehr in die Augen blicken, sondern auf die Screens ihrer Telefone starren. Daher brauchen wir dringend eine neue digitale Achtsamkeit. Ein Bewusstsein dafür, was wir eigentlich machen, wenn wir online sind. Wir müssen gezielt, nicht wahllos online sein. Dank Digital Detox können wir Präsenz im Hier und Jetzt herstellen, wieder ganz gegenwärtig und nicht abgelenkt sein. Nicht zuletzt geht es auch um Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem Geschenk des Lebens: Die Welt wurde nicht als Selfie-Hintergrund erschaffen, sondern damit wir ihre Schönheit mit unseren eigenen Augen betrachten.  

Oh das hast du wunderbar ausgedrückt! Und dennoch ist ein Selfie vor atemberaubender Kulisse ein Highlight – und sollte auch als dieses gesehen, als Glück begriffen werden. Was bedeutet denn Glück für dich?

Liebe – in all ihren wundervollen Facetten. Das seelische miteinander Schwingen, das sich gegenseitige, tiefe Berühren. Das ist es, was mich ergreift. Was vielen nicht bewusst ist: Smartphones verändern unser Gehirn grundlegend. Nicht nur, dass wir uns schlechter konzentrieren können, wir werden auch unempathischer. Was aber ist eine Welt ohne Mitgefühl? Digital Detox ermöglicht wahrhaftige Begegnungen von Herz zu Herz. Ich bin davon überzeugt, dass wir alle dadurch glücklicher werden. Und wir können auch das Internet zu einem empathischen Netzwerk machen – wenn wir erst das Bewusstsein dafür haben, dass wir auch digital aufeinander wirken und wir gut miteinander umgehen müssen.

Möge dieses Bewusstsein noch viel mehr Menschen erreichen!
Bei welcher Beschäftigung vergisst Du die Zeit, bist du im Flow?

Beim Schreiben. Beim Meditieren. Und vor allem, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die mir nahestehen.  

Gibt es eine Frage, die Du gern mal gestellt haben möchtest? Wie ist Deine Antwort darauf?

Oh, wie wunderbar! Ich glaube, da kommt die Literaturwissenschaftlerin in mir durch und die alte Frage lautet: „Welches Buch würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?“ Ich würde den „Great Gatsby“ mitnehmen! Mein Lieblingsbuch. Es hätte auf einer einsamen Insel überhaupt keinen Nutzen – und wäre gerade deswegen der Inbegriff der Kunst und wunderbar passend 🙂

Was möchtest Du den Lesern meines Blogs mitgeben?

Verbundenheit kommt aus dem Herzen, nicht dem Handy.

Danke, liebe Daniela, für diesen zauberhaften Austausch! 

Und ich möchte hier noch auf dein Buch Digital Detox (Werbung), das es auch als Video-Tutorial (Werbung) gibt, und deine Website (Werbung) hinweisen. Mögest du weiterhin sehr viele Menschen inspirieren!

 

 

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